Als Empath geboren – ein Leben ohne Grenzen?

Als Empathen fühlen wir, was andere fühlen. Wir nehmen die inneren Kämpfe uns nahestehender Menschen wahr, die unterdrückte Wut unseres Kollegen oder den Stress der Leute an öffentlichen Orten. Und häufig haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass wir es nicht einmal merken. So sind wir einfach, das ist unser Leben. Wir scheinen den Gefühlen der anderen vollkommen ausgeliefert zu sein.

 

Ist Empathie angeboren?

Ich bin überzeugt, dass viele von uns Empathen nicht nur sensibel auf die Welt gekommen sind, sondern dass wir diese Gabe auch unbewusst kultiviert haben. Denn unsere Fähigkeit hat uns dabei geholfen, dass – vor allem in unserer frühen Kindheit – unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt wurden und wir uns sicherer fühlen konnten. Lass mich an einem Beispiel erklären, was ich damit meine:

Angenommen, eine alleinerziehende Mutter ist häufig gestresst, weil die Arbeit, der Haushalt und die Fürsorge für ihren Sohn sie überfordern. Obwohl sie ihn liebt, ist sie nur selten für ihn da. Ihr Sohn fühlt sich dadurch häufig vernachlässigt und im Stich gelassen. Um den Schmerz weiterer Ablehnung zu vermeiden, nutzt er seine empathischen Fähigkeiten, um herauszufinden, wann seine Mutter offen für sein Anlehnungsbedürfnis ist und wann sie eher gestresst ist und leicht genervt reagiert. Das macht er mit der Zeit ganz unbewusst, bis er irgendwann die Gefühle seiner Mutter genauso gut wahrnimmt, wie die seine eigenen und sich mit ihnen identifiziert. Er gibt also seine Grenzen ihr gegenüber auf, und ein möglicherweise lebenslanges Muster hat sich gebildet.

 

Was sind Grenzen und wozu sind sie da?

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Unsere persönlichen Grenzen sind letztendlich nur der Sinn für uns Selbst. Wo höre ich auf und wo fängt der andere an. Wenn wir dies nicht klar unterscheiden können, haben wir zu schwache Grenzen.

Auch wenn Empathie die uns innewohnende Fähigkeit ist wahrzunehmen was andere fühlen, müssen wir dem nicht schutzlos ausgeliefert sein. Es ist eine Fähigkeit, keine Verpflichtung! Wie bei allen Gaben und Talenten müssen wir lernen, damit umzugehen. Und das beginnt mit gesunden persönlichen Grenzen.

Wenn wir anderen erlauben, uns schlecht zu behandeln, weil wir ihren Schmerz fühlen, also nachvollziehen können was sie dazu treibt so zu sein, verletzen wir selbst unsere eigenen Grenzen. Wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, deren Gegenwart uns runterzieht, weil wir merken wie sehr sie uns brauchen, ist es doch unsere eigene Entscheidung, in dieser Situation zu bleiben. Wir sind also auch die einzigen die etwas daran ändern können. Das Verhalten anderer Menschen können wir nicht verändern, aber wie wir damit umgehen. Die einzige Person, für die wir wirklich verantwortlich sind, sind wir selbst! Und mal ehrlich, wie wollen wir für andere Menschen da sein, wenn wir die ganze Zeit erschöpft und ausgelaugt sind?

Nur wenn wir gesunde Grenzen haben, sind wir wirklich in unserer Kraft und haben die Kapazität für die Menschen da zu sein, die wir wirklich schätzen. Es geht also darum, uns genau bewusst zu werden, wann eine Person oder eine Situation uns nicht gut tun. Und wenn es soweit ist, gilt es Mitgefühl zu zeigen – Mitgefühl mit uns selbst! Tu was immer du tun kannst, um Ausgleich zu finden und wieder in deine Mitte zu kommen. Nimm dir zum Beispiel etwas Zeit für dich, geh raus in die Natur, meditiere oder nimm ein entspannendes Salzbad. Kümmere dich um dein inneres Licht, so dass du wieder strahlen kannst!

 

Die Verpflichtung zu fühlen?

Ich glaube jedoch, es gibt noch eine weitere Art der Grenzen, derer sich die meisten Empathen nicht bewusst sind. Diese Grenzen sind eher in unserem Inneren zu finden als im Außen. Ich rede von der Frage, ob wir wirklich alles fühlen müssen, dem wir ausgesetzt sind.

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Für die meisten scheint es quasi unmöglich, nicht durch die vielen Gefühle und Eindrücke, die auf uns einströmen, beeinflusst zu werden. Und nur um das klarzustellen: ich rede nicht davon, dass wir alle total abstumpfen sollten. Was ich meine, ist ein bewusster Umgang mit unserer Gabe, dann, wenn es uns und der Situation dient. Und der erste Schritt dahin ist es, die eigenen Gefühle von denen anderer wieder unterscheiden zu lernen. Was mir persönlich am meisten hilft, ist mir immer dann wenn ich eine besonders starke Emotion fühle, die Frage zu stellen „Ist dieses Gefühl mein eigenes?“ Du wärst überrascht, wie oft die Antwort nein ist!

Indem wir uns diese Frage stellen, trainieren wir unser Bewusstsein, unseren Sinn für uns Selbst. Und so lernen wir Schritt für Schritt unsere Unterscheidungskraft wieder zu nutzen.

Ich habe tatsächlich gemerkt, dass die Gefühle anderer Menschen einen viel geringeren Einfluss auf mich haben, sobald mir bewusst geworden ist, dass sie nicht zu mir gehören. Auf diese Art konnte ich sie wirklich loslassen und aufhören, unbewusst zu versuchen, die Probleme anderer Leute zu lösen, obwohl ich sie doch selbst niemals lösen könnte. Und das war und ist eine unglaublich befreiende Erfahrung.

 

Unterscheidungskraft und Selbstliebe

Manchmal jedoch gibt mir die Frage nach dem Ursprung des Gefühls noch nicht die Gelassenheit, die ich mir wünsche. Also begann ich eine weitere Frage zu stellen, um mehr Klarheit zu gewinnen und meine Perspektive noch mehr zu verändern. Diese Frage ist: “Muss ich dieses Gefühl jetzt wirklich fühlen?”

Diese Frage kann uns ebenfalls helfen zu unterscheiden, ob eine Emotion wirklich unsere ist oder nicht (was notwendig sein könnte, wenn wir mit jemandem zu tun haben, dem wir sehr nahe stehen). Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt in dieser Frage, der aus meiner Sicht sehr wertvoll ist. Sie kann uns helfen zu erkennen, ob es hilfreich und selbstliebend ist, eine negative Emotion zu fühlen und in sie einzutauchen – selbst dann wenn sie ursprünglich unsere eigene ist.

Ich bin überzeugt, dass es entscheidend für unsere emotionale Heilung und die Integration von abgespaltenen Aspekten unseres Selbst ist, unsere unterdrückten negativen Emotionen an die Oberfläche kommen zu lassen. Aber ich bin noch mehr ein Befürworter der Selbstliebe. Aus meiner Sicht sollte die Liebe zu uns Selbst immer Vorrang vor der Heilung unseres Selbst haben. Auch wenn Heilung ein Ergebnis der Selbstliebe ist, ist es doch nicht immer selbstliebend, aktiv unsere Heilung voranzutreiben. Denn die Verdrängung der negativen Gefühle und Erinnerungen geschah nicht ohne Grund. Wir waren zum Zeitpunkt des ursprünglichen schmerzhaften Ereignisses einfach nicht in der Lage, die Erfahrung vollständig zu verarbeiten. Uns dazu zu drängen, diese Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle zu integrieren, wenn wir noch nicht bereit dazu sind, kann sogar schädlich für unsere emotionale Gesundheit sein. Und genau deswegen liebe ich diese Frage so sehr: “Muss ich das jetzt wirklich fühlen?” oder „Ist es selbstliebend, dieses Gefühl jetzt zu fühlen?“. Sie hilft uns nicht nur, unsere eigenen Gefühle von denen anderer unterscheiden, sie gibt uns auch einen klaren Hinweis darauf, ob es gerade gut für uns ist sie zuzulassen, unabhängig von ihrer Herkunft.

Für mich war die Befreiung von der scheinbaren Notwenigkeit, immer alles zu fühlen, eine unglaublich ermutigende Erfahrung. Wenn wir erkennen, dass wir selbst diejenigen – die Einzigen  – sind, die die Verantwortung dafür haben, wie wir uns fühlen, und dass wir unsere Emotionen steuern können ohne abstumpfen zu müssen, können wir unsere Empathie endlich als wahres Geschenk annehmen. Wir können sie nutzen wann immer es uns gut tut. Und wenn unsere tiefe Wahrnehmung doch einmal zu überwältigend wird, haben wir Wege und Mittel, wieder in unsere Kraft zu kommen. Und dabei geht es vor allem um Selbstliebe und gesunde Grenzen.

 

 

 

 

 

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