Das unsichtbare Kind

Hast du dich jemals gefragt, warum niemand da war, wenn du am dringendsten Unterstützung brauchtest? Hast du es erlebt, dass andere die Früchte deiner Arbeit geerntet und sich mit deinen Lorbeeren geschmückt haben? Und hattest du je das Gefühl, dass deine Bedürfnisse für deine Mitmenschen von Bedeutung waren, oder war es eher so, dass alle anderen wichtiger zu sein schienen als du?
Für mich war die Antwort auf diese Fragen immer ein großes JA. Erst in den letzten Jahren habe ich verstanden warum und konnte endlich dieses schmerzhafte Muster ändern, das mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hat.

Als ich jung war, war ich das, was ich ein “unsichtbares Kind” nennen würde; die pflegeleichte Tochter, die nie um etwas gebeten hat. Ich war da und war ich es doch nicht. Meine Mutter sagte sogar, dass ich ein so gutes und einfaches Kind sei, dass ich keinerlei Aufmerksamkeit brauchte. Und natürlich meinte sie das als Kompliment. Mein unauffälliges Verhalten gab ihr die Zeit und den Raum, den sie brauchte, um sich auf meinen jüngeren Bruder, den Haushalt und andere Dinge zu konzentrieren. Niemand hat geahnt, wie sich dieser Mangel an Aufmerksamkeit auf mein weiteres Leben auswirken würde.

 

Auf der Suche nach Verbundenheit

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Ein Gefühl der Zugehörigkeit ist eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse. Wir müssen uns gesehen und verstanden fühlen, damit wir wirklich gedeihen können. Als Kinder brauchen wir die Aufmerksamkeit unserer Eltern. Wir brauchen ihre bedingungslose Liebe und Gegenwart. Das muss nicht immer uns ständig sein. Aber wir müssen uns der stabilen Verbindung zu unseren Eltern sicher sein. Biologisch gesehen hängt unser Überleben von ihnen ab – aber auch unsere emotionale Stabilität und Gesundheit.
Normalerweise wenn ein Kind anfängt zu spüren, dass es die Nähe zu einem oder beiden Elternteilen verliert, beginnt es aktiv deren Aufmerksamkeit zu suchen. Das kann so etwas Simples sein wie “Mammi guck mal”. Und der liebevolle Blick und die aufmunternden Worte der Mutter beruhigen das Kind und versichern ihm, dass alles in Ordnung und Mami noch da ist. Wenn das Aufbegehren des Kindes jedoch ignoriert wird, muss dieses einen anderen Weg finden, um seine natürlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Wir alle haben schon einmal gesehen, wie das aussehen kann: Kinder die völlig unvorhergesehen anfangen zu weinen oder wegen einer scheinbaren Kleinigkeit einen Tobsuchtsanfall bekommen. Ich halte es für sehr übereilt, einfach zu sagen, dass das Kind „überreagiert“ oder nur „nach Aufmerksamkeit sucht“. Denn der Schmerz und die Verlustangst, die das Kind erlebt, sind für es sehr real.

 

Aber was ist nun mit dem unsichtbaren Kind?

unsichtbarAber was ist nun mit dem unsichtbaren Kind? Warum habe ich nicht aktiv die Aufmerksamkeit meiner Eltern gesucht? Warum habe ich geschwiegen, obwohl doch die Nähe und Verbundenheit zu den Eltern ein Grundbedürfnis gerade von kleinen Kindern ist?
Die Antwort ist sehr einfach: Ich wollte ihre Aufmerksamkeit nicht, weil ich sie mit negativen Gefühlen und Erfahrungen assoziiert hatte. Ich entschied mich, mich von ihnen und der Welt zurückzuziehen, weil es für mich schwer war dort zu sein. Als Empath konnte ich den unbewussten Schmerz meiner Eltern spüren, während sie selbst sich dessen oft nicht einmal bewusst waren. Ich konnte ihre eigene Bedürftigkeit in der Aufmerksamkeit und den Umarmungen spüren, die sie mir gaben, anstatt mich davon genährt zu fühlen. Und es tat mir weh, so gesehen und behandelt zu werden, wie sie mich gern sehen wollten, statt so wie ich wirklich war. All das war für mich so verwirrend und schmerzhaft, dass ich es vorzog, mich von ihnen zurückzuziehen, statt ihre ansich doch dringend benötigte Nähe zu suchen. Ich hatte eine unbewusste Assoziation geschaffen: “Gesehen zu werden bedeutet, missverstanden und ausgenutzt zu werden, bedeutet Schmerz.” Im Mittelpunkt zu stehen, wurde für mich unbewusst zu einer bedrohlichen Erfahrung.

 

Die Nachwirkungen

Dieser unbewusste Glaubenssatz beeinflusste mein Verhalten bis ins Erwachsenenalter, ohne dass ich es bemerkte. Er sorgte dafür, dass ich mich in der Schule, während des Studiums oder bei der Arbeit eher im Hintergrund gehalten habe, obwohl meine Leistungen meist überdurchschnittlich waren. Und natürlich nutzten andere das gelegentlich auch aus und profitierten von meinen Ideen und meiner Arbeit. Aber in meinem Privatleben war es noch offensichtlicher. Dieser unbewusste Glaubenssatz veranlasste mich, meine Bedürfnisse nie klar zu kommunizieren oder aktiv nach Hilfe zu suchen, wenn ich es brauchte. Ich fühlte mich mein ganzes Leben lang ungesehen und unverstanden. Als ob ich überhaupt keine Rolle spielen würde. Ich litt unter dem Gefühl, unsichtbar zu sein und habe dabei nicht erkannt, dass es meine eigenen unterbewussten Überzeugungen waren, die das alles verursacht hatten.

 

Sichtbar werden

Der erste Schritt zur Transformation dieser Muster ist die Erkenntnis, dass es diese Muster gibt. Und das ist der schwierigste Teil, denn sie sind uns nicht bewusst. Wir haben keine Ahnung von dem, was uns nicht bewusst ist! Wenn du dich jedoch dem Weg der Bewusstwerdung verschrieben hast, wirst du über Kurz oder Lang über deine limitierenden Muster und Überzeugungen stolpern. Für mich war es meine Praxis in der Schattenarbeit, des emotionalen Vipassana und der Arbeit mit dem inneren Kind, die diesen Aspekt meines Lebens schließlich ans Tageslicht brachten. Aber es reicht nicht aus, den Glaubenssatz einfach nur zu erkennen und sich anders zu entscheiden! Was solche negativen Glaubenssätze wirklich in unserem Leben hält, ist die emotionale Wunde, auf der sie basieren. Woran ich also arbeiten musste, war nicht nur das Gefühl, unsichtbar zu sein, sondern auch die negativen Gefühle, die ich mit dem Gesehenwerden verbunden hatte. Als ich diese alte emotionale Wunde geheilt hatte, löste sich der Glaubenssatz einfach auf.

 

Heute bin ich so dankbar für die Transformation, die ich durchlaufen habe. Aber ich bin auch dankbar für die Erfahrung ansich, denn sie hat mir viele tiefe Erkenntnisse gebracht, die mir nun dabei helfen, meine Berufung zu leben und Menschen zu helfen. Inzwischen fühle ich mich wirklich gesehen und meine Beziehungen haben sich völlig verändert. Ich kann mich endlich zeigen als die die ich wirklich bin.